Buchartikel aus Twenty Shades Of Grief:
Die letzte Träne
Deutsche Übersetzung
Für meine Mutter:
„Auch wenn du in meinem Herzen bist, vermisse ich manchmal deine warme Hand.“
Ich hielt ihre Hand. Sie fühlte sich zerbrechlich an. Und doch spürte ich in dem warmen zarten Händedruck ihre noch vorhandene klare Kraft. Mein Herz war schwer, mir steckte ein dicker Kloß im Hals.
Ich dachte an die Zeit, als sie begann im Alter aus Unsicherheit nach meiner Hand zu greifen. So verändert sich alles immer im Leben. Als Kinder halten wir uns an der Hand der Mutter fest. Dann kommt die Zeit, in der sie unsere Hand loslässt, damit wir freihändig laufen lernen. Später kommt dann die Zeit, in der die Mutter Halt an unserer Hand sucht. Meine Mutter begann damit ganz langsam nach dem Tod meines Vaters vor 18 Jahren. Später im Pflegeheim wurde es normal, dass sie sich an den Händen ihrer Kinder festhielt. Seit etwas mehr als 5 Jahren lebte sie dort. Seit ihre Demenzerkrankung es unmöglich gemacht hatte, dass sie weiterhin alleine leben konnte. Eine 24/7 Begleitung war notwendig geworden. Und je mehr sie sich selbst vergaß, umso fester hielt sie unsere Hände.
Jetzt saß ich an ihrem Bett und wir wussten beide, dass wir nun die Hand des anderen in diesem Leben loslassen müssen. Ich war dankbar, dass ich sie jetzt noch halten durfte.
Uns Kindern war bereits seit einigen Wochen klar, dass ihre Zeit gekommen war, und sie ihren Weg nach Hause antreten wird. Durch die jahrelange inzwischen sehr fortgeschrittene Demenzerkrankung konnte ich mich lange genug damit auseinandersetzen.
Und trotzdem. Wenn es soweit ist, kommt eine Phase, auf die kannst du dich nicht vorbereiten. Und das ist auch gut so. Dann übernimmt eine weitaus größere Kraft die Führung, wenn du es zulassen kannst. Diese Kraft sorgt dafür, dass alles was noch geklärt werden muss geklärt werden kann. Wenn du es willst. Sie zeigt dir, dass es gut ist, wie es ist. Auch wenn wir bittere Tränen weinen, wenn die Zeit gekommen ist um Abschied zu nehmen.
Ihre Betreuerin des Pflegeheimes hatte uns informiert, dass wir damit rechnen sollten, dass es nur noch ein paar Tage dauern würde.
Drei Tage zuvor hatte ich mein altes Leben durch den Auszug aus dem ehemals gemeinsamen Haus meines Exmannes endgültig hinter mir gelassen. Ein Abschied auf den ich mich gefühlt anders als bei meiner Mutter gut vorbereiten konnte. Doch selbst hier hatte die weitaus größere Kraft bereits seit langem die Führung übernommen. Und ich hatte sie gelassen.
Mein neues Zuhause konnte ich meiner Mutter vor einigen Wochen dank moderner Face-Time Technik mit meiner Schwester über Video zeigen. Während sie mit meiner Schwester im Garten vor dem Heim saß, führte ich sie virtuell durch jedes Zimmer des neuen Hauses und auch durch den Garten. Das hatte sie trotz ihrer Demenz realisiert und mit Interesse begutachtet. Denn als meine Schwester das Gespräch beenden wollte, um meine Mutter im Rollstuhl wieder zurück in ihr Zimmer zu bringen, sagte sie sehr deutlich und resolut: „Jetzt warte doch noch!“ Und schaute weiterhin sehr interessiert auf den Handybildschirm. Das war schon ein kleines Wunder. Sie sprach sonst nur noch wenig und wenn dann sehr undeutlich, da sie ihr Sprachzentrum eigentlich nicht mehr benutzen konnte. Ich konnte fühlen, dass sie mir für meinen Neubeginn ihren Segen mitgab. Und irgendwie schien es auch so, als würde sie jetzt wissen, dass ich gut in meinem neuen Lebensabschnitt angekommen war. Dass sie jetzt gehen konnte, und mich zurücklassen. Genauso wie meine Schwester, die jetzt auf der anderen Seite des Bettes neben ihr saß und die andere Hand hielt. Und auch meine zwei Brüder, die vorher da waren.
An dem Tag an dem ich ausgezogen war, hatte ich wieder mit Hilfe meiner Schwester zu ihr über Handybildschirm gesprochen. Ich hatte ihr bereits an diesem Sonntagabend erzählt, dass ich gut im neuen Zuhause angekommen war. Und wieder erschien sie mir gerade in dem Moment wieder wach und aufmerksam zuhörend und hatte kurz sogar gelächelt. Nur Gott weiß, was sie dabei wirklich verstanden hatte.
Jetzt schloss ich an ihrem Bettrand sitzend kurz die Augen und spürte den Frieden, der uns umgab. Wir waren bereits zwei Stunden mit ihr zusammen. Die Pflegerinnen hatten sie versehentlich noch einmal an einem Tropfer angeschlossen. Versehentlich, weil wir bereits vor einigen Tagen entscheiden mussten, jegliche künstliche Ernährung einzustellen, um den Prozess nicht noch länger hinauszuschieben. Der Tropfer bewirkte, dass sie hellwach immer wieder die Augen öffnete und von einem zum anderen sah. Sprechen konnte sie nicht mehr. Die vorherigen Tage hatte sie sich eher im Dämmerzustand befunden. Ich hatte das Gefühl, auch das sollte so sein. So bekam sie eindeutig mit, wie meine Schwester, eine liebe Freundin von uns und ich Geschichten austauschten, Erinnerungen teilten und dabei auch lachten. In ihren Augen sah ich, dass sie es registrierte. Und da meine Mutter nicht viel von dramatischen Auftritten und traurigen Abschieden hielt, wusste ich, dass sie es wertschätzte.
Als ich nun mit meiner Schwester neben ihrem Bett ihre Hand haltend saß, gingen mir Gedanken über sie und ihr Leben durch den Kopf.
Humor war eines der wertvollsten Geschenke, welches sie mir weitergegeben hatte. Die Komik des Lebens auch in schweren Zeiten wahrzunehmen. Beerdigungen oder Abschiede waren nie so ihr Ding gewesen. Was nicht heißen sollte, dass sie nicht oft in ihrem Leben um andere Menschen getrauert hatte. Das hatte sie im Stillen gemacht. Auf ihre Weise. „Das ist das Leben,“ hatte sie immer gesagt. „Es hilft ja nichts, man muss es akzeptieren, wie es ist.“ Auch wenn es schmerzt. Darüber hatten wir uns oft unterhalten.
Sie hatte ein bewegtes Leben und musste im Laufe ihrer Jahre einige Schicksalsschläge verarbeiten. Als Kind im 2. Weltkrieg musste sie viel Schreckliches durchleben, angefangen mit der Flucht in die Schutzkeller bei den Bombenangriffen. Die einige Freunde und Nachbarn nicht überlebten. Wenn du mit 9 oder 10 Jahren solche Schreckensbilder verarbeiten musst, hinterlässt das Spuren in der jungen Seele eines Menschen. Sie wurde von meinem Großvater mit ihrem etwas älteren Bruder nach Österreich in die Berge zu einer Tante gebracht. Dort waren sie gefühlt sicherer als zu Hause in der Stadt. Sie hat mir erzählt, dass sie die Zeit dort sehr positiv in Erinnerung hatte, aber ihre Eltern und ihre zwei ältesten Schwestern vermisste. Die Angst davor, dass sie sich vielleicht nicht mehr wiedersehen würden, wurde verdrängt. Später als Jugendliche musste sie ihre Ausbildung als Schneiderin abbrechen, um ihre Mutter zu pflegen, die die Schreckenszeiten in ihrem Leben nicht so gut verarbeiten konnte. Nähen und Stricken waren ihre Leidenschaften und sind es trotz der nicht beendeten Lehre geblieben. Ihre Mutter verlor sie noch als junge Frau, als sie hochschwanger war. Einige Jahre danach begleitete sie ihre Schwiegermutter, die bei uns im Haus lebte und teilweise zu einer Ersatzmutter für sie wurde, bis zuletzt bei ihrer Leukämieerkrankung. Und meinen Vater verlor Sie an Lungenkrebs. Ihr Humor hatte sie über Wasser gehalten. Wenn sie die Schwere der Emotionen nicht mehr ertragen konnte. Manch einer konnte dies missverstehen als Gefühlskälte. Genau das Gegenteil war der Fall.
Ich habe erst als Erwachsene verstehen gelernt, dass der Humor ihr Lebenselixier war, als ich gelernt hatte ihn selbst für mich als wertvolle Ressource anzuwenden. Dankbar dafür, dass sie ihn an mich weitergegeben hat. Als Kind konnte ich ihr Lachen auf der Beerdigung ihrer Schwiegermutter, meiner Großmutter noch nicht begreifen. Als Erwachsene kann ich jetzt oft auch bei anderen Menschen hinter die Fassade blicken, die nach außen aufrecht gehalten wird. Als Schutz, weil der- oder diejenige die Fassung nicht verlieren will, oder auch manchmal den Schmerz nicht ertragen würde. So dient der Humor in der richtigen Dosis einerseits als Schutz aber auch als Ausgleich, um Schmerz zu überwinden. Und Heilung zu erfahren.
Heute erinnere ich mich gerne an die vielen Situationen, in denen wir herzhaft mit ihr lachen konnten. Mir fiel die Urnenbeisetzung meines Vaters ein, die separat von der Beerdigung im ganz kleinen Kreis abgehalten wurde. Auf dem Weg von der Kapelle zum Grab liefen meine drei Geschwister mit Partner und Enkelkind, meine Mutter und ich schweigend hinter dem die Urne tragenden Friedhofsangestellten her. Da hatte sie leise ein Lachen unterdrückend zu mir geflüstert: „Wenn der Papa uns jetzt von da oben beobachtet, wie wir mit so ernsten Gesichtern andächtig hinter einem Häufchen Staub in einem Gefäß herlaufen, wird er sich seinen Teil denken und über uns grinsen.“ So wie ich meinen Vater kannte, hatte sie damit sicher Recht.
Heute weiß ich auch, wie sehr sie ihre Kinder auf ihre Weise geliebt hat, selbst wenn sie es nicht immer so gut zeigen konnte. „Gefühlsduselei konnte man sich in der Nachkriegszeit nicht so viel leisten“ Mit diesem Satz war sie aufgewachsen. Sie hatte es nicht gelernt, Liebe und Wärme direkt auszudrücken. Auch darüber hatten wir uns unterhalten, als sie es noch konnte. „Wir haben halt gemacht, was wir für richtig hielten als wir euch großgezogen haben. Gewollt haben wir jeden von euch, auch wenn es nicht immer leicht war. Aber wir haben bestimmt einiges falsch gemacht.“ Als ich ihr jetzt in die Augen blickte wusste ich, dass sie es gerne wieder gut gemacht hätte, aber nie wusste wie.
Ja, vielleicht hat sie einiges falsch gemacht. Eltern machen Fehler, Kinder auch. Auch das ist das Leben. Ich wusste, dass es ihr leidtat. Dass sie es ernst meinte, was sie damals gesagt hatte. Dass sie aber über manch einen Schatten der aus ihrer Lebensgeschichte entstanden war auch nicht hinaus konnte.
Wer nicht?
Die Generation meiner Eltern hatte nicht wie wir heute die Möglichkeit ihre Wunden aufzuarbeiten. Das meiste wurde verdrängt und auch nicht viel darüber gesprochen. Wir, die Generationen danach können das anders machen.
Ich würde rückblickend auch gerne einiges besser machen, weil ich aus heutiger Sicht ein ganz anderes Verständnis für meine Eltern gewonnen habe.
Wie wahrscheinlich überall sind Eltern für ihre Kinder eine Herausforderung, genauso wie anders herum.
Wie wichtig wir Kinder trotzdem für meine Mutter waren, war in Kleinigkeiten spürbar, wenn sie ohne zu murren unsere Kleidung mit ihren Nähkünsten verändern musste. Oder wenn die Augen leuchteten, wenn sie für meine Bruder stundenlang auf einem der Hobbymärkte, die sie gerne mit uns besuchte, nach einem passenden Geburtstagsgeschenk Ausschau hielt. Wenn sie mir beim gemeinsamen Shopping Bücher bezahlte, weil sie wusste, damit machte sie mir die meiste Freude. Wenn sie stundenlag das Haus vorbereitete, wenn mein zweiter Bruder von seiner neuen Heimat 300 Kilometer entfernt aus dem Schwarzwald zu Besuch anreiste. Ihre Augen strahlten bei der Urlaubsvorbereitung, wenn sie wusste, dass sie eine Woche mit meiner Schwester in den Bergen verbringen durfte.
Obwohl es für sie das Wichtigste war, niemandem, vor allem uns Kindern nicht zur Last zu fallen, waren wir im Alter ihre Hauptbezugspersonen. Ich hätte mir für sie mehr Kontakte gewünscht. Vielleicht auch aus egoistischen Gründen, damit ich mich nicht verpflichtet fühlte. Sie jammerte oder beschwerte sich diesbezüglich so gut wie nie. Natürlich spüren Kinder trotzdem die Einsamkeit der Mutter auch ohne Worte. Selten drängte sie uns Kinder zu irgendetwas. Selbst wenn es ihr nicht gut ging, kam nur vorsichtig eine Anfrage um Hilfe. Immer in Verbindung damit, dass sie es wieder ‚gutmachen‘ wollte. Immer in Verbindung mit spürbarer Dankbarkeit für die Hilfe und immer in Verbindung mit der Entschuldigung dafür, eine Last zu sein, die sie nicht war.
All das ging mir durch den Kopf als ich neben ihr saß. Neben ihrem Humor hatte sie mir auch ihre Kreativität geschenkt. Auch aus den einfachen Dingen des Lebens etwas zu kreieren zu können. Sie lebte eine Bescheidenheit und Genügsamkeit, mit den Kleinigkeiten des Lebens zufrieden sein zu können. Das habe ich immer an ihr bewundert. Auch ihre Großzügigkeit im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Ihre Geduld und Akzeptanz des Lebens kann ich mir heute noch zum Vorbild nehmen. Wenn in unserer so hektischen Zeit nichts schnell genug geht oder nicht so, wie ich mir das vorstellte.
Ich lächelte sie an. „Danke Mama, für alles Wertvolle, was du mir geschenkt hast.“ Damit meinte ich nicht den Schmuck oder das Geld, dass sie uns jetzt hinterlassen würde. „Du warst die beste Mutter, die ich mir wünschen konnte.“ Und ich meinte es auch so. Trotz all der Herausforderungen, die wir miteinander gehabt hatten. Oder vielleicht nicht trotz, sondern gerade deshalb.
Mein Herz fühlte sich an, als würde es wieder einmal brechen. Im Verlauf ihrer Demenzerkrankung war ich dem Gefühl bereits öfter begegnet. Ich wusste, dass es wie sonst auch aufbrechen und nicht zerbrechen würde. Die Mutter loslassen, mit der wir durch ein enges Band mit Beginn der Zeugung verbunden sind, ist mit der schwerste Abschied im Leben eines Menschen. Ich betete im Stillen. Meiner Schwester, die gegenüber von mir saß, ging es gerade genauso. Als ich meine Mutter ansah, sah ich das Leuchten, das uns umgab. Meinen Blick in ihre Augen gerichtet spürte ich, wie mein Herz sich öffnete. Ich hätte heulen und lachen können gleichzeitig. Ihr Blick ging wieder intensiv zwischen mir und meiner Schwester hin und her.
Ich wusste, dass sie mich von jetzt an auf eine andere Weise als Teil meines Lebens begleiten würde. Sie zog ein in mein Herz. Noch einmal anders als ich sie bisher schon dort fühlte. Hier würde sie weiterleben. Von hier aus würde sie mir künftig helfen, dass mein Leben gelingen wird. Wie es für mich gedacht war. Ich spürte diese intensive Nähe wie nie zuvor. All ihre Gaben und Talente würden in mir weiterleben, zu meinem Besten. So wird der Staffelstab von Mutter und natürlich auch Vater an die Kinder weitergegeben. Das ist der natürliche Wachstumsprozess des Lebens. So soll es sein. Wir Kinder dürfen damit Ihnen zu Ehren unser höchstes Potential entwickeln. Nicht nach den irdischen Vorstellungen der Eltern, sondern nach dem Plan unserer Seele oder unseres Herzens, wie auch immer wir es nennen wollen. Dass wir uns so entfalten, wie wir von der Schöpfung gedacht waren. Wie eine Eichel, in der bereits alles Potential vom Eichenbaum von dem sie kommt enthalten war.
Genau dafür war sie die perfekte Mutter für mich gewesen, genauso wie mein Vater der perfekte Vater. Die Erkenntnis, dass die Verbindung auch durch das Sterben unzerstörbar blieb, war ein weiters Geschenk.
„Danke“, kam mir erneut über die Lippen. Wir sahen uns wieder in die Augen. Mir schnürte es einerseits den Hals zu, andererseits war ich so dankbar für diesen heiligen Moment. Mir lief eine Träne über die Wangen.
Dann sah ich sie.
Ihre letzte Träne in ihrem Augenwinkel.
Es war als ob mit diesen beiden Tränen alles, was noch ungelöst zwischen uns gestanden wäre losgelassen wurde. Rein, geheilt, erlöst, frei, was auch immer.
Dass es ihre letzte Träne war erfuhr ich erst am Morgen danach. Nachdem sie wieder in einen Dämmerzustand zurückfiel, waren wir nach Hause gefahren. Die Pflegerinnen hatten uns prophezeit, dass so lebhaft wie meine Mutter anzutreffen gewesen war, es noch einige Tage dauern würde bis sie gehen wird.
Sie ging in dieser Nacht.
Friedlich, alleine und doch auch nicht…
Die Hand hatten wir voneinander losgelassen. Doch dafür reichten sich unsere Herzen liebevoll die Hände.
Für immer.
Das ist das Einzige was bleibt. Für die Ewigkeit.
Buchartikel aus Embrace Courage: Die wahren Helden
Billboard in New York
Times Square
Deutsche Version
“Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, Mut ist Angst die gebetet hat.” (unbekannt)
Ich saß im Auto und weinte. Mir war übel und Verzweiflung stieg in mir auf. Ich parkte vor dem Pflegeheim, in dem meine Mutter untergebracht war. Eine Stunde zuvor hatte mir die Heimleitung des Seniorenzentrums den Bereich gezeigt, in den meine Mutter umziehen musste. Es war der geschlossene Bereich für Bewohner, die weglaufen konnten. Sie nannten die Abteilung etwas milder, die behütete Station. Der Zustand meiner Mutter, die für ihr Alter von vierundachtzig Jahren körperlich noch fit war, hatte sich in den letzten Wochen verschlechtert. Ihre fortschreitende Demenz machte den Umzug notwendig. In dem sehr ansprechend eingerichteten, offenen Bereich des Heims bewohnte sie derzeit noch ein schönes Zimmer. Die nur leichte Demenz war bei den meisten Bewohnern noch nicht so auffällig. Diese Station unterschied sich auf den ersten Blick nicht so sehr von einem allgemeinen Seniorenzentrum. Aber meine Mutter hatte das Seniorenwohnheim in den letzten Wochen schon mehrmals verlassen und den Weg zurück nicht mehr gefunden. Sie wollte nach Hause … unser Zuhause, in dem ich aufgewachsen war.
In der behüteten Station sind der Garten und die Wohnbereiche nicht von außen zugänglich. Das Bild der verschlossenen Fenster im ersten Stock, der Außentür mit einem Zahlencode-Schloss und des hoch eingezäunten Gartens hatte ich noch im Kopf. Genau wie die Bewohner dieses Bereiches. Verwirrte Blicke, teilweise leere Augen, körperlich aktive Bewohner, die in Gehwägen eingespannt waren, damit sie nirgends hinrennen und sich und andere verletzen konnten. Meine empfindliche Nase erinnerte sich noch an den leicht säuerlichen Geruch von Urin, den auch der Duft von Reinigungsmitteln nicht überdecken konnte. Dekorative Verschönerungen des Bereiches in den Zimmern und auf dem Flur waren nicht viele vorhanden. Auch persönliche Gegenstände der Bewohner in den Zimmern fehlten fast völlig. Angehörige brachten nichts Dekoratives mit, weil die persönlichen Gegenstände immer wieder in anderen Zimmern verschwanden oder kaputt gingen. Die Bewohnerinnen und Bewohner hatten keine böse Absicht, sie wussten es nicht besser. Aber es war sauber, das Personal erschien mir herzlich und einfühlsam. Nach Angaben der Heimleitung nahmen sich die Betreuer viel Zeit für die Bewohner. Bei diesem Besuch wurde mir klar, wie der Verlauf dieser heimtückischen Krankheit weitergehen würde.
Ich hatte unterschrieben. Dass wir Kinder dem Umzug zustimmten. Ich hatte keine andere Wahl. Zu Hause würde sie rund um die Uhr betreut werden müssen, und selbst das könnte ein Risiko sein. Beim letzten Versuch, vom Heim zu ihrem alten Wohnort zu laufen, hatte die Polizei sie auf einer belebten Straße aufgegriffen. Mitten im Hochsommer, bei 35 Grad im Schatten. Am nächsten Tag würde ich in den lang geplanten Urlaub nach Italien aufbrechen, um am Gardasee zu klettern. Ich musste die Entscheidung und das Bild mitnehmen. Meine Schwester würde den Umzug begleiten.
Ich saß schon seit einer halben Stunde im Auto, die Tränen liefen mir immer noch über die Wangen. Wie sollte ich das nur schaffen? Meine Mutter in diesem Bereich zu sehen, würde mir das Herz brechen. Der Albtraum der letzten Monate steigerte sich tatsächlich. “Was noch, Gott”, sagte ich laut. “Was noch!” Hilflosigkeit überkam mich. Panik schnürte mir die Kehle zu. Am liebsten hätte ich mich übergeben. Es half nichts. Ich startete den Motor, fuhr nach Hause und packte meine Sachen. An diesem Abend begann ich bewusst für diese Situation zu beten, für meine Mutter und für mich und meine Geschwister. Beten und Meditieren gehört zu meinen täglichen Gewohnheiten und hatte mir bisher immer geholfen. Es hatte mir immer einen Weg gezeigt, mit dem Schmerz und der Angst umzugehen.
Am nächsten Morgen lud ich mein Gepäck ein, befestigte mein Fahrrad auf dem Gepäckträger des Autos und fuhr los. Ab in den Süden. Das jährliche Highlight in Europa für Kletterer, das Rockmaster Event am Gardasee, erwartete mich und meine Freunde in Arco. Der Ort, der für mich wie eine zweite Heimat war. In dem idyllischen, typisch italienischen Ort trafen sich gute Kletterer aus der ganzen Welt und viele Kletterbegeisterte wie ich. Ablenkung war dort also garantiert. Langsam kam Freude in mir auf. “Ich schaffe das”, dachte ich. Auch letztes Jahr habe ich es geschafft, nach der Trennung von meinem Ex-Mann hier wieder mit Freunden Urlaub zu machen. Das erste Mal, nachdem er zwei Jahre zuvor ausgezogen war. Damals hatte ich das Gefühl eines Neuanfangs. Vielleicht hilft mir das ganze Szenario, die Lebendigkeit eingebettet in den italienischen Charme, dabei, die Tatsache des geistigen Verfalls meiner Mutter zu akzeptieren. Beides existiert auf dieser Welt, und beides hat seinen Platz und seine Berechtigung. Auch wenn ich nicht verstehen konnte, warum. Warum müssen Menschen diesen Weg gehen. Ein kleiner Trost war die Aussage meiner Coachin. Demenz ist eine Angehörigenkrankheit. Die Betroffenen leiden nicht so sehr wie die Familienmitglieder, die zusehen. Es stimmte. Wenn ich meine Mutter fragte, wie es ihr geht, bestätigte sie immer sehr deutlich, dass es ihr gut geht.
Jeden Abend nahm ich mir Zeit, den Himmel, Gott, die Engel oder wie auch immer wir es nennen wollen, zu bitten, mir die Kraft und den Mut zu geben. Dafür, wenn ich der Situation zu Hause ins Auge schauen musste.
Arco lenkte mich ab. Die Sport- und Klettergemeinschaft beim Wettkampf ebenso wie das Klettern am Fels. Jeden Tag nahm ich dankbar ganz bewusst meinen Körper und meinen Geist wahr. Was für ein Geschenk beides war. Als ich am Fuße des Kletterfelsens saß und die wunderschöne Landschaft still betrachtete, dachte ich darüber nach, wie endlich das alles ist. Und wie viel erfüllter wir uns fühlen würden, wenn wir das Leben im Kontext dieser Endlichkeit betrachten könnten. Manchmal gelang mir das, und eine tiefe Liebe und Dankbarkeit für das Leben stieg dann in mir auf. Für die unendlichen Möglichkeiten, die das Leben für uns bereithalten kann. Dauerhaft konnte ich dieses Bewusstsein noch nicht halten.
Mir wurde klar, dass der größte Teil meiner Angst nicht alleine die Angst um meine Mutter war. Es war meine eigene Angst. Vor der Endlichkeit. Vor dem Verlust all dessen, was mir Freude machte. In den letzten Jahren musste ich mich mit gesundheitlichen Projekten auseinandersetzen. Ich hatte Panik, dass sich meine eigene Gesundheit weiter verschlechtern würde. Dass ich selbst in einem Heim enden würde. Bei diesem Gedanken schnürte es mir sofort wieder die Kehle zu und mein Magen verkrampfte.
Es war interessant. Ich sah anderen beim Klettern in Steilwänden und in Überhängen zu. Spürte die Begeisterung in mir, wenn ich selbst in schwindelnder Höhe von 30 bis 60 Metern nur mit Seil gesichert an im Fels befestigten Haken hing. Auch in meinem Job als Trainerin und Rednerin konnte ich, wenn es sein musste, vor mehr als hundert Menschen stehen und Motivation versprühen. Bei so vielen Gelegenheiten bewegte ich mich sicher und routiniert, ohne nachzudenken, wo viele andere den Atem anhalten würden. Der Gedanke daran, meine Mutter zu besuchen und mit ihrem körperlichen und geistigen Verfall konfrontiert zu werden, ließ mich dagegen erstarren. Meine Hände begannen zu zittern. Ich schloss meine Augen und atmete die frische Luft und die Energie der Felsen und der Natur ein. Ich betete wieder still und bat um Führung und Heilung.
Der Urlaub verging wie im Flug und ich trat die Heimreise mit einem mulmigen Gefühl an. In Bezug auf meine Angst vor der Begegnung im Heim hatte sich nicht viel geändert. Aber ich fühlte mich erfrischt und kraftvoll.
So kam der Tag, an dem ich im Auto auf demselben Parkplatz saß und mich auf meinen Atem konzentrierte. Meine Angst, das gleiche Schicksal wie meine Mutter zu erleiden, verursachte Schwindelgefühle in mir. Die Vorstellung, all meine Freude zu verlieren und nur noch Dunkelheit zu spüren, trieb mir erneut Tränen in die Augen. Genauso wie der Gedanke, dass es meiner Mutter schon jetzt so ging. Ich holte noch einmal tief Luft und stieg aus dem Auto aus. Meine Schwester wartete bereits am Eingang des Seniorenwohnheims. Ich begrüßte sie, konnte sie aber nicht umarmen. Sonst hätte ich die Fassung verloren. Sie sah mich verständnisvoll an. So hatte sie sich bei ihrem ersten Besuch in der neuen Station auch gefühlt. Wir betraten das Pflegeheim. Wir öffneten die Tür zum geschützten Bereich mit dem Zahlencode und ich folgte meiner Schwester. Ich schloss kurz die Augen und bat meine Engel und alle anderen himmlischen Gefährten um Hilfe.
Als ich meine Augen wieder öffnete, sah ich sie. Meine Mutter. Sie saß in dem kleinen Speisesaal am Kopfende des Tisches, wie eine Chefin. Hinter ihr stand eine mollige Betreuerin, die Wärme und herzliche Zuneigung ausstrahlte. Sie streichelte mit beiden Händen über die Schultern und den oberen Rücken meiner Mutter. Beide wippten im Takt der Musik, die leise im Hintergrund lief. Meine Mutter hatte einen seligen Gesichtsausdruck. Körperliche Berührungen waren für sie in der Vergangenheit schwer zu akzeptieren gewesen. Ich konnte mich nicht erinnern, dass ich als Kind viele Umarmungen erlebt hatte. Sie erlaubte Umarmungen erst, nachdem mein Vater vor zehn Jahren gestorben war. Davor pflegte sie immer eine körperliche Distanz zu ihrer Umgebung. Ich lebte das Gegenteil.
Dann sah sie uns. Ihre Augen leuchteten auf. Sie hatte uns erkannt. Danke, Engel, dachte ich. Dieser Blick war eine Entschädigung für all die Angst, die ich überwinden musste und die mir immer noch im Hals steckte. Tränen stiegen in mir auf, dieses Mal vor Erleichterung. Für meine Mutter. Und für mich. Sie genoss so offensichtlich die Gesellschaft und Nähe der Betreuerin. Etwas, das sie selbst in ihrer Kindheit nie so erlebt hatte. Ihre Eltern betrachteten ihre Kinder als Last und drückten das auch ihr und ihren Geschwistern gegenüber so aus. Wenn man die Geschichte meiner Großeltern kennt, versteht man, warum. Doch für meine Mutter war es dennoch eine tiefe Wunde. „Die hier vielleicht heilen darf”, dachte ich. Ich ging auf sie zu und umarmte sie. Ich spürte ihre Wärme und merkte, dass sich ihre Umarmung verändert hatte. Sie drückte mich deutlich fester als sonst. Die Betreuerin lächelte mich herzlich an. “Ihre Mutter hat sich schon gut eingelebt”, sagte sie zu uns.
Ich sah, dass die Pflegerinnen und Pfleger eifrig dabei waren, die Leute mit Kaffee und Kuchen zu versorgen. Ein paar wurden gerade gefüttert. Die Person, die neben meiner Mutter saß, lächelte mich an. Es war ihre Zimmermitbewohnerin. Eine 104-jährige freundliche Dame. Dann holte meine Schwester den Mantel meiner Mutter und wir gingen gemeinsam mit ihr in den angrenzenden Park. Zu dritt setzten wir uns nebeneinander auf eine Bank und betrachteten schweigend die Natur und die Vögel. “Schau dir die schönen Wolken an”, unterbrach meine Mutter die Stille. “Als Kinder haben wir immer die Wolken beobachtet und gesagt, was wir sehen.” Dann lachte sie. Sie sah einen Elefanten. Ich grinste. Ich sah bei einer anderen Wolke einen Zwerg. Meine Schwester einen Engel. Als wir sie zurück in ihren Wohnbereich brachten, dachte ich an meinen Urlaub. An den Kletterwettbewerb. Wie viel Mut all diese bewundernswerten Athleten Tag für Tag lebten und gegen die Schwerkraft gewannen. Ich dachte an Alex Honnold, einen amerikanischen Kletterer, von dem ich begeistert war. Er hatte eine 1000 Meter hohe Felswand am El Capitan im Yosemite Valley im Alleingang, free solo, d.h. ohne Sicherung, durchgeklettert. In einem Schwierigkeitsgrad, in dem ich nicht einmal zwei Meter vom Boden abhob. Bei meiner Körpergröße von 1,68 m hieß das also „gar nicht”. Heldenhaft und sicherlich sehr bewundernswert, wie diese Kletterer an ihre körperlichen und mentalen Grenzen gingen und Meisterleistungen vollbrachten.
Doch die Menschen, die hier arbeiteten, und irgendwie auch die Bewohner, das waren meine wahren Helden. Die Bewohner, weil ihre Seele diesen Weg in ihrem Leben eingeschlagen hat, aus welchem Grund auch immer. Vielleicht weil sie uns, wenn man genau hinsieht, zeigen, dass das Leben auch hier noch einen Sinn hat. Und die Pflegekräfte, Menschen, die in diesem scheinbaren Leid wie ein Licht mit Wärme und Liebe leuchteten. Auch wenn sie nicht viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Stille Helden.
Und ich sah meinen ersten mutigen Schritt, mich meiner Angst vor der Vergänglichkeit meines Körpers und Geistes zu stellen. Ich umarmte meinen Mut, auch wenn ich ahnte, dass ich noch einen weiten Weg vor mir hatte. Aber wie beim Klettern geht es immer Schritt für Schritt. Selbst bei einer 1000 Meter hohen Felswand ist das der einzige Weg, um den Gipfel zu erreichen.
Buchartikel aus Midlife Awakening: Halbzeit - Wechsel der Feldseite
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Die Sonne schien mir ins Gesicht. Eine leichte Brise streichelte meine Wangen. Ich atmete die frische Luft des Februars ein und ließ meinen Blick über die malerische Landschaft gleiten, die sich vor mir ausbreitete. Ich befand mich auf dem Gipfel eines 250 Meter hohen Hügels, der als Walberla in der Fränkischen Schweiz in Deutschland bekannt ist. Seiner Geschichte nach war das Walberla ein Kraftort, an dem in früheren Zeiten uralte Bräuche und Rituale wie Sonnwendfeuer gefeiert wurden. Es ist ein Sportkletterfelsen, der sich aufgrund seiner südlichen Lage auch an sonnigen Tagen im Winter zum Klettern eignete. Eine kleine Kapelle schmückte ein sanft abfallendes Plateau im Norden auf der Spitze des Hügels. Im Südwesten, direkt über den 30 bis 50 Meter hohen Kletterwänden, stand ein Gipfelkreuz.
„Wunderbar“, dachte ich und genoss die Aussicht. Mit 13 Grad Celsius und Sonne pur war es für Mitte Februar relativ warm. Das hatte mich und einige meiner Freunde dazu veranlasst, die Outdoor-Klettersaison zu eröffnen. Durch die Mittagssonne war der Fels so warm, dass meine Finger nicht mehr von der Kälte taub wurden.
Am Ende des Tages hatte ich mich von unserer Truppe getrennt und war allein die restlichen 50 Meter bis zum Gipfelkreuz gewandert. Ich wollte eine Entscheidung treffen. Wo könnte ich das besser tun als an diesem Ort der Kraft. Ein Ort, an dem die Kräfte und Energien der Natur uns Menschen wohlgesonnen waren. Ich setzte mich auf die Bank neben dem Kreuz und ließ meinen Blick in die Ferne schweifen.
In ein paar Tagen würde mein 50. Geburtstag an die Tür klopfen. Ich seufzte. Es war nicht das Alter, das mich beschäftigte. Ich konnte mit einem Lächeln auf 50 erfüllte Jahre zurückblicken. Mit vielen Herausforderungen, aber farbenfroh, authentisch und echt. Ich hatte sie gelebt, so gut ich konnte. Nicht immer so, wie ich es mir gewünscht hätte. Doch damit hatte ich mich ausgesöhnt. So gesehen, konnte ich die vergangenen 50 Jahre als Kraftquelle für die nächsten 50 Jahre nutzen. So Gott will. Nein, es war nicht das Alter. Ich höre Menschen oft sagen: „Ich fühle mich nicht wie 50“, aber woher sollen wir wissen, wie sich ein Mensch mit 50 tatsächlich fühlt? Ich saß da und wusste nicht, wie mein Leben weitergehen sollte. Das bereitete mir Kopfschmerzen.
Neun Monate zuvor hatte ich noch einen Plan. Dazu gehörte, die Mitte meines Lebens gemeinsam mit meinem gleichaltrigen Mann als großes Ereignis zu feiern. Sein 50. Geburtstag war vier Monate zuvor im Oktober gewesen. Wir hatten daran gedacht, unsere jährliche Weihnachtsfeier zu veranstalten, diesmal mit ein paar Extras zusätzlich zu der Band, die jedes Jahr dabei war. Das wäre das perfekte Timing gewesen, genau in der Mitte, zwischen unseren Geburtstagen. Zumindest war das mein Wunsch.
Aber wie man so schön sagt: Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, mache Pläne. Das Leben hatte eine andere Vorstellung von perfektem Timing. Und einen anderen Plan für mich.
Mein Mann hatte sich seit April des vergangenen Jahres neu orientiert. Was ich Ende Mai herausfand. Die Neuorientierung hieß Claudia. Das machte alle anderen Pläne vorerst hinfällig. Ich hatte eine harte Zeit hinter mir.
So etwas passiert eigentlich immer nur anderen. Denkt man zumindest. Für mich war klar gewesen, wenn er dieser Neuorientierung weiter folgen will, trennen sich unsere Wege. Ich konnte nicht wegschauen. Und ich wollte es auch nicht. Nicht mehr. Bis dahin hatte ich schon lange geahnt, dass so etwas kommen kann. Und ein halbes Jahr lang hatte ich um die Wahrheit gebetet. Als Frau fühlst du so etwas, wenn du es fühlen willst. Meine Versuche, die Beziehung wieder in eine gemeinsame Richtung zu bringen, waren gescheitert. Wir hatten uns festgefahren. Ich hatte jahrelang mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, die mich stark einschränkten und mich immer wieder an meine Grenzen brachten. Aber sie erlaubten mir auch, zu wachsen. Im April hatte er mir bestätigt, dass für ihn alles in Ordnung war, dass er sich damit abgefunden hatte und zufrieden war. Ich hatte erwähnt, dass ich das Gefühl hatte, dass wir uns gegenseitig verlieren würden. Im Nachhinein war mir klar geworden, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits resigniert hatte. Und in dieser Zeit war er Claudia beim Klettern begegnet. Das Leben hatte seine Aussage zum Anlass genommen, zu handeln. Es war der Meinung, dass es für uns beide so nicht weitergehen sollte.
Zwei Monate später, Anfang Juni, zog er aus.
Ich saß hier oben unter dem Gipfelkreuz und dachte über meine Neuorientierung nach. Dankbarkeit stieg in mir auf. Ich hatte das erste tiefe Tal nach der Trennung überwunden. Freier Fall und doch wieder Boden unter meinen Füßen gefunden. Ich war aufrecht geblieben. Aufrichtig zu mir selbst. Seit ein paar Wochen ging es mir besser, zumindest so weit, dass ich beim Klettern wieder dabei sein konnte. Als im Juni meine Welt gefühlt zusammengebrochen war, hätte ich nicht gedacht, dass ich jemals wieder die Lebensfreude spüren würde, die beim Klettern in Verbindung mit dem Felsen entsteht.
Ich hatte mir vorgenommen, während ich hier oben war, zu entscheiden, was ich an meinem 50. Geburtstag machen würde. Nichts? Wie in all den Jahren zuvor, als ich die Geburtstage meines Mannes oder die Weihnachtsfeier mitorganisierte, aber meinen Geburtstag lieber ausließ? Nur um nicht im Mittelpunkt zu stehen? Und nur nicht das Risiko eingehen, dass niemand zu mir kommen würde?
Oder war es an der Zeit? Zeit, aus dem Schatten herauszutreten, in den ich mich jahrelang freiwillig gestellt hatte. Mir war mulmig bei dem Gedanken. Aber klar, aus meinem Schattenversteck heraus zu kommen hieß auch, die Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen. Bei einigen Situationen hatte ich mich gerne hinter meinem Mann versteckt. Dort hätte ich mir bei einem Scheitern gut einreden können, „War ja nicht ich der Grund!“ Wenn ich die Feier ausrichten würde, würde ich im Mittelpunkt stehen! Dann hieß es, der Möglichkeit des Scheiterns ins Auge zu blicken. Ein Scheitern, das die Bestätigung meiner tief versteckten Glaubenssätze „mich will keiner, zu mir kommt keiner und es wird nicht gut“ aufrecht hielt. Mein Ex-Mann hatte es für alle sichtbar gemacht. Zumindest war das meine Überzeugung über mich selbst, die in mir an die Oberfläche gespült worden war. „Ich war nicht gut genug, deshalb will mich keiner, deshalb hat er sich umorientiert“. Jetzt hatte ich die Wahl. Wollte ich den Stempel behalten, den ich mir durch alte Prägungen aufgedrückt hatte, oder war es an der Zeit? Zeit für eine Veränderung? Zeit zum Aufwachen! Inzwischen war ich alt genug. Halbzeit, wenn ich mein Ziel erreichen sollte, die 100 Jahre in diesem Leben voll zu machen. Perfektes Timing für einen Seitenwechsel auf dem Spielfeld des Lebens. In die andere Richtung zu laufen. Neue Perspektiven ins Blickfeld rücken. Und ein paar Tore erzielen.
Das brachte mich zum Lächeln. Es passte zu meinem Sternzeichen – Fische mit Aszendent Zwillinge. Die Fische sind sensibel, zurückhaltend und abwartend. Kombiniert mit dem Zwilling, der kommunikativ ist und sich in luftige Höhen aufschwingt. Ich bin kein Astrologe, aber mir wurde einmal gesagt, dass der Aszendent in der zweiten Lebenshälfte die Führung übernimmt. Die Idee hat mir gefallen. „Beide Aspekte ausdrücken, ganz werden“, kam mir in den Sinn. Beruflich hatte ich die Kommunikation bereits jahrelang als Trainerin ausgelebt. Dort machte sich mein Glaubenssystem nur in begrenztem Maße bemerkbar. Dort konnte ich mich am System meines Arbeitgebers festhalten. Jetzt war es an der Zeit, die Krücken abzulegen und zu lernen, frei zu gehen und zu stehen.
Ich schaute in die langsam untergehende Sonne. Ich schloss meine Augen. Niemand außer mir war in diesem Moment hier oben. Stille, die nur durch das Klirren der Karabiner unterbrochen wurde, umgab mich.
Ich fühlte in mein Herz. Tief in mir regte sich eine aufsteigende Freude. „Tu es“, schien das Gefühl zu sagen. „Tu es einfach und denke nicht darüber nach, wie es sein wird. Es wird gut sein. Tu es!“
Ich öffnete meine Augen. „Yes! In vier Tagen feiere ich meinen 50sten Geburtstag. Wendepunkt! Fast 40 Leute wollte ich einladen. Das hatte ich heute Morgen kurz zusammengezählt. Die Aufregung stieg in mir auf. Mein Zweifler meldete sich zu Wort. „Du bist verrückt! Wie soll das denn in vier Tagen gehen, eine Feier mit fast 40 Leuten? Aber gut, so viele werden es wahrscheinlich sowieso nicht sein. So kurzfristig hat niemand Zeit.“ Ich beobachtete meine Gedanken und lächelte. So konnte ich mir wenigstens wieder einreden, es liegt nicht an mir, dass niemand kommt, sondern daran, dass niemand so kurz vorher Zeit hat. Selbst wenn keiner etwas für meinen runden Geburtstag vorbereiten würde, könnte ich es auf diesen Umstand schieben.
Ich schob den Zweifler beiseite. Alles war besser als Nichts. Dieser Gedanke verringerte meine Angst vor dem Scheitern noch ein Stück mehr.
Ich kehrte zu meiner Klettergruppe am Wandfuß zurück. „Die Entscheidung ist gefallen!“ verkündete ich. „Am Donnerstag gibt es eine Feier. Keine Geschenke! Bringt einfach etwas zu essen und zu trinken für die Feier mit, wenn ihr kommen wollt.“
Ich verschickte alle Einladungen über WhatsApp. Beim letzten Senden bekam ich Herzklopfen. Was hatte ich nur getan? Zusätzlich zu meiner täglichen Arbeit musste ich in den verbleibenden vier Tagen das Haus für die vielen Gäste herrichten. Aufgrund der nicht vorhandenen Zeit war mein Perfektionismus völlig überfordert. Aber das war auch gut so. So konnte ich nicht viel darüber nachdenken, wie es sein würde. Was könnte schief gehen? Was sollte ich tun, damit es gut wird?
Am Donnerstag war es dann so weit. Alle kamen, bis auf drei Freunde, die im Skiurlaub waren. 35 Gäste. Mein Glaubenssystem schrumpfte 35mal ein bisschen mehr. Es gab genug zu essen, es gab einen Platz für alle, es wurde für mich und mit mir gesungen, gelacht, gedichtet und ein eigenes Lied für mich komponiert. Es war ein Wendepunkt für mich! Eine gelungene Party. Beseelt fiel ich zu später Stunde ins Bett. Jetzt wusste ich, dass ich neben einfühlsam und tief tauchen auch das kann, wenn ich will. Ich wusch mir den Stempel von der Stirn. Zumindest diesen.
In den nächsten Jahren erkundete ich weiter, welche Stempel besser zu mir passten. Es gab einige neue. Aber auch ein paar alte blieben mir treu. Vieles war schon gut gewesen. Jetzt ist es perfekt unperfekt. Alles darf sein. Und im Laufe meines Lebens werde ich mir vielleicht einen Stempel aufdrücken: „Alles ist möglich“. Du musst nur aufwachen.
Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis ich ganz wach bin. Es gibt noch Entwicklungspotenzial. Aber ich habe ja hoffentlich noch 44 Jahre, bis die 100 voll sind!
Wenn ich mir die Bilder und Videos von diesem Geburtstag auf meinem Handy anschaue, durchströmt Dankbarkeit mein Herz. So oft steckt in allem, was uns widerfährt, etwas Gutes. Selbst wenn es die Grundmauern zum Einsturz bringt und es sich anfühlt, als würde man den Boden unter den Füßen verlieren. Das Leben reicht dir immer wieder die Hand und hält deine so lange fest, bis du wieder festen Boden unter den Füßen hast.
Das Leben liebt dich – Louise L. Hay
So schön gesagt. Nicht immer kann ich das glauben, aber immer öfter.
Neue Herausforderungen begleiten derzeit meine Lebensreise. Diesen Wendepunkt kann mir niemand mehr nehmen. Auch nicht das, was ich in den Jahren danach erleben durfte. Ich habe einen Perspektivenwechsel erlebt. Oft sind die Menschen, die dich am meisten herausfordern und verletzen, deine größten Lehrer und Schutzengel. Und eröffnen dir neue Wege mit Möglichkeiten, die du dir vorher nicht vorstellen konntest.
Alles ist möglich. Das ist es wirklich. Aber vielleicht geht es gar nicht darum. Vielleicht geht es nur darum, durch all die Möglichkeiten, die das Leben dir bietet, bei dir selbst anzukommen. Ganz zu werden. Dem bin ich zumindest ein Stück nähergekommen.